Britische Tee-Gepflogenheiten
Warum niemand «Low Teas» anbietet. Niemand?
Niemand in der Gastronomie bietet ein «Low Tea» an, dafür gibt es da und dort ein «High Tea». Seltsam, aber wir haben einen Verdacht.
Die Teatime am Nachmittag wird immer belieber, und Food- and Beverage-Manager grosser (selten: kleiner) Hotels füllen die nachmittägliche Leere in der Lobby mehr und mehr mit diesem kulinarischen Highlight. Was uns als Teeliebhaber nur recht sein kann.
Allerdings schleichen sich bei der Namensgebung dieser Teestunde da und dort Ungereimtheiten ein, die wir hier etwas beleuchten.
High vs. Low Tea
Wer – naheliegenderweise – annimmt, dass sich High Tea auf das exquisite Afternoon Tea mit raffiniertester Patisserie und edlen Teesorten bezieht, während ein Low Tea das genaue Gegenteil davon ist, liegt nun genau falsch, widerspiegelt aber die allgemeine Perzeption. Es ist nämlich genau umgekehrt.
Die Begriffe beziehen sich primär auf die Tischhöhe. Aber da es sich um ein britisches Habbit handelt, ist die Sache natürlich komplizierter.

King Charles, Queen Camilla, Melania und Donald Trump beim Low Tea am 28.4.2026 im Weissen Haus
«Low Tea» bezieht sich also auf eine Teatime, die an niedrigen Tischen, also etwa Club-Tischen, kredenzt wird. Die Sitzgelegenheiten dazu sind selbstverständlich angepasst, etwa Sofas oder Fauteuils, in gepflegter Umgebung und mit hoffentlich schönem Porzellan. Vom Kulinarischen her ist es ziemlich genau das, was wir oben als Vorstellung von «High Tea» beschrieben haben. Ursprünglich kredenzt von der britischen Upper Class. Nachmittags.
Umgekehrt steht «High Tea» als Bezeichnung einer Teatime der Arbeiterklasse. Und zwar erwartungsgemäss an einem hohen Tisch, denn es handelt sich um ein Abendmahl. Dabei wurde nach Feierabend zu einfachen aber nahrhaften Speisen, etwa Brot mit Käse oder Porridge, Tee getrunken. Letzterer wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jh. dank Pionieren wie Sir Thomas Lipton auch für die einfachen Leute erschwinglich.
Afternoon Tea
Beide Begriffe sind also oft nicht zutreffend. Denn an vielen Orten wird die nachmittägliche Teezeit an Restaurant-Tischen serviert, genau betrachtet handelt es sich um ein «Low Tea» an hohen Tischen.
Marketingmässig tönt es natürlich viel besser, man bietet ein «High Tea» an, das klingt nach edel und gediegen und drückt auch aus, was man kredenzt: ein hochstehendes Teemenu mit gutem Tee. Mit «Low Tea» hingegen würde das werte Publikum wohl eher auf Beuteltee mit Brownie tippen.

Low Tea im Kulm Hotel, St. Moritz
Mit dem Begriff «Afternoon Tea» wendet man sich, wenn auch meist unbewusst, von den Definitionen der Low und High Teas ab. Man verlegt den Begriff einfach auf die Zeitachse, was wohl ein guter Kompromiss ist.
«Afternoon Tea» gäbe nun zwar auch Stoff für einen ganzen Artikel, dennoch darf man eine bestimmte Erwartung an die Präsentation und das Kulinarische setzen, wenn ein Hotel oder Café ein solches anbietet.
Schlussendlich findet man bei uns durchaus Low Teas, muss die aber speziell suchen, da sie nicht so bezeichnet werden. Am ehesten kommen dafür Hotels in Frage, wo die Teatime in der Lobby stattfindet. Und ein echtes High Tea – well, das ist im 21. Jh. wohl etwas fürs private Wohnzimmer.